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Nach 50 Jahren intensiver Bindungsforschung findet das Bindungswissen
auch in Deutschland eine zunehmend breitere Anwendung in Jugendhilfe und
Gesundheitswesen. Bindungswissen hat längst auch in der Erziehungsberatung
Fuß gefasst. Ziel der Jahrestagung 2004 der LAG war es, sich intensiv mit
diesem Thema und seiner Implantation in den Erziehungsberatungsstellen in
Hessen zu beschäftigen.
Längsschnittliche Forschung konnte nachweisen, dass sichere Bindungserfahrung
und ein sicheres Modell dem Kind helfen, die eigenen Entwicklungsthemen
kompetent und resilient (d.h. trotz vorhandener Risiken) zu meistern.
Bindungssicherheit in der Familie steht in einer engen Beziehung zu
gelingenden Freundschaftsbeziehungen, einem ausgewogenen realistischen
Selbstbild, einer angemessenen sozialen Wahrnehmung, weniger
Verhaltensauffälligkeiten in Schule und Gleichaltrigengruppen ,
Gefühlsoffenheit und einem flexiblen Umgang mit Bedürfnissen in den
Familienbeziehungen.
Die Bindungstheorie stellt das Basiswissen über den Aufbau, die Dauer und die
Bedeutung von Eltern-Kind-Beziehungen dar. Sie erlaubt einen Einblick und ein
Verständnis in die wesentlichen Beziehungsprozesse und Grundbedürfnisse der
Beteiligten und trägt dazu bei, das Kind und seine innere Welt im Rahmen
seiner Beziehungen besser zu verstehen.
Angesichts einer sich immer schneller verändernden Welt, hoher
Scheidungszahlen, vielfältiger Bedrohung der Sicherheit durch Umweltbelastung
und Verkehr, Gewalt in den Medien und sozialer Belastung von Armut und
Arbeitslosigkeit verweist die Bindungstheorie nachhaltig auf die Bedeutung
von tragfähigen Beziehungen, die Nicht-Austauschbarkeit von Bindungspersonen,
die Folge von Verlust und Trennungen und auf die Einflüsse von traumatischen
Beziehungserfahrungen auf die Entwicklung des Einzelnen.
Bei vielen Anmeldungen in unseren Beratungsstellen wegen kindlicher Symptome
besteht ein enger Zusammenhang zur Bindungsthematik.
Die Bindungstheorie hat sich als eine tragfähige Basistheorie für Erklärungen
von Entwicklungsprozessen und die Fundierung von Interventionen durchgesetzt.
In der Arbeit der Erziehungsberatungsstellen leistet sie bereits jetzt schon
wertvolle Beiträge zur Gestaltung von Schnittstellen mit anderen
Jugendhilfeangeboten und bei der Ausgestaltung der Hilfen in speziellen
Bereichen. Zu nennen sind hier z. B. die Fremdunterbringung im Heim und bei
Pflegeeltern, der Umgang mit traumatisierten Kindern, der Frage der
Rückführung von Kindern oder Hilfen bei Trennung und Scheidung.
Bindungswissen kann also ausstrahlen in verschiedene Bereiche der Jugendhilfe
und umgekehrt, entsprechende Prozesse der Vernetzung und gegenseitiger
Befruchtung sind bereits im Gang. So kann die Bindungsforschung viel von der
Lebendigkeit der Jugendhilfe profitieren, z. B. von dem Wissen um die
Vielseitigkeit von unterstützenden Beziehungen außerhalb der Familie oder im erweiterten
Familienkontext . Auf der anderen Seite stellt sich in der Jugendhilfe auch
immer die Frage nach gelingenden Entwicklungsprozessen trotz widriger
Umstände, ein Aspekt mit dem sich die Bindungsforschung unter dem Stichwort Resilienzdiskussion beschäftigt.
Zwischen Bindungsforschung und Jugendhilfe tun sich also viele
Überlappungsbereiche auf, die Erziehungsberatung kann eine Schnittstelle für
beide Bereiche darstellen. In diesem Sinne sollte die Fachtagung als ein
Input für die Erziehungsberatung in Hessen verstanden werden, diese Bedeutung
einer Schnittstelle bewusst und gezielt wahrzunehmen indem die Ergebnisse der
Bindungsforschung in unserer Praxis einen festen Platz bekommen.
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